Brunschwig und das Destillieren ohne eigenes Feuer

Wem gibt ein Mann eine Anleitung in die Hand, wenn er eigens vermerkt, welche Wege nichts kosten? Ein Buch war um 1500 keine Ware für jedermann. Es kostete, was ein Handwerker im Jahr nicht beiseitelegen konnte. Wer trotzdem so schreibt, hat einen Leser vor Augen, den die gelehrte Welt nicht mitzählte.

Der Wundarzt

Hieronymus Brunschwig stammte aus der Strassburger Familie Saulern und kam um 1450 zur Welt, genauer lässt es sich nicht sagen. Medizin studierte er in Bologna, Padua und Paris, also an den Häusern, an denen sich das Fach damals prüfen liess. Gearbeitet hat er danach nicht dort, sondern im Elsass, in Schwaben, Bayern, Franken und im Rheinland, bevor er sich dauerhaft in Strassburg niederliess. Dort starb er 1512 oder 1513, auch dieses Jahr führt die Literatur bis heute zweifach. Die Nachschlagewerke nennen ihn dreierlei, Wundarzt, Alchemist und Botaniker.

Die Feuerwaffe war zu seinen Lebzeiten neu, und für die Wunde, die sie riss, gab es keine überlieferte Lehre. Kein antiker Autor hatte sie gekannt, kein Lehrbuch beschrieb sie. Brunschwig gilt als einer der Ersten, die dazu ein Verfahren aufschrieben, und er ging über die groben Griffe seiner Vorgänger hinaus. Er beschrieb, wo die Bücher schwiegen. Das ist der kürzeste Beleg dafür, dass hier jemand mit den Händen gearbeitet hat, bevor er zur Feder griff.

Bilder statt Latein

Fachbücher waren lateinisch. Wer die Sprache nicht beherrschte, blieb aussen. 1497 erschien in Strassburg »Dis ist das Buch der Cirurgia«, die erste gedruckte Wundarznei in deutscher Sprache. Gedruckt hat sie Johann Grüninger, dessen Werkstatt zu den besten für Holzschnitte zählte. Auch das Destillierbuch trägt einen lateinischen Titel und ist deutsch geschrieben.

Grüninger war mehr als der Mann an der Presse. Den zweispaltigen Seitenspiegel, der Bild und Text ineinanderführt, hatte er bereits für den »Gart der Gesundheit« entwickelt. In dieser Form begleiten die Abbildungen bei Brunschwig die Beschreibung der Geräte Stück für Stück, und eine Darstellung läuft über zwei Seiten.

Ein Bild leistet dabei etwas, das kein Satz leistet. Es wirkt wie ein Schnittmuster, das man auf den Stoff legt und nachfährt. Wer eines besitzt, braucht keinen Meister neben sich, der ihm die Hand führt. Ein Buch, das nur beschreibt, sagt »ein Helm mit einer Rinne«. Ein Buch, das zeigt, sagt, wie tief die Rinne läuft und an welcher Stelle das Rohr sitzt.

Drei Bücher in einem

1500 vollendete Brunschwig das Kleine Destillierbuch, den »Liber de arte distillandi de simplicibus«, das Buch der rechten Kunst zu destillieren die einzelnen Dinge. Angelegt hatte er es als Begleitband zur Wundarznei von 1497, und gedruckt wurde es wieder bei Grüninger.

Das Werk besteht aus drei Büchern. Das erste behandelt die handwerklichen Verfahren, vom Formen der Ziegel für den Bau der Öfen über das Aufstellen der Geräte bis zu den Arten der Destillation. Das zweite ist ein bebildertes Kräuterbuch. Das dritte war ein Verzeichnis der Leiden in der Ordnung von Kopf bis Fuss, nach dem Krankheitsverständnis seiner Zeit, mit den zugehörigen Mitteln und den Blattzahlen zum Nachschlagen.

Was ihm zugetragen wurde, sammelte er, geprüft hat er es nicht. Gerade dieser dritte Teil ist deshalb der Teil, der am wenigsten gut gealtert ist. Haltbar geblieben ist der erste, die Geräte und die Öfen.

Deren Namen klingen heute fremd, Cucurbit für das untere Gefäss, Alembik für den Aufsatz. Wie der Dampf durch Helm und Rinne läuft, steht in der Beschreibung des Alembiks und des Wasserbads. Brunschwigs Anteil ist ein anderer. Er sagt, woraus die Stücke sein sollen. Glas von böhmischen oder venezianischen Bläsern, weil es die Hitze aushält. Ton aus Syburg bei Dortmund oder aus dem elsässischen Hagenau, weil er dicht ist. Wer die Herkunft eines Werkstoffs nennt, hat die Ware in der Hand gehabt.

Zwölf Jahre später folgte das Grosse Destillierbuch. Klein und Gross meinen den Gegenstand, die einzelnen Stoffe gegen die gemischten, und nicht den Umfang. Das Grosse, das von den zusammengesetzten Dingen handelt, zählt über sechshundert Seiten.

On kosten

Die Wege der Destillation scheidet er in zwei Arten, die einen »on kosten«, die anderen »mit kosten vnn durch das feür«. Eine Zahl nennt er nicht, sondern schreibt, viele seien der Wege.

Kosten heisst Feuer. Holz und Kohle mussten gekauft, getragen und gehütet werden, und jedes gelehrte Rezept begann damit, dass jemand dieses Feuer bezahlt hatte. Ohne Kosten arbeitet, wer eine Wärme nimmt, die ohnehin da ist, gärender Pferdemist, ein Ameisenhaufen, ein Backofen.

Der Pferdemist ist kein Kuriosum, sondern die bessere Wahl. Wer im Winter die Hand in einen Komposthaufen hält, spürt Wärme, obwohl niemand geheizt hat. Diese Wärme ist mild, sie springt nicht, und sie hält tagelang an. Genau das braucht ein Destillat, das nicht anbrennen soll. Im Ameisenhaufen steckt dieselbe Wärme aus derselben Quelle.

Auch im gebauten Ofen geht es um das Mass der Hitze. Geregelt wird sie über die Luftzufuhr oder dadurch, dass man in Sand, in Asche oder im Wasserbad destilliert. Für das Wasserbad gibt Brunschwig eine Regel, die keine Skala braucht. Man prüfe es von Zeit zu Zeit mit der Hand, und heisser als so, »dz du ein finger darin geleiden magst«, dürfe es nicht werden. Der Finger ist das Thermometer.

Woher sein Wissen stammt, sagt er selbst. Zuerst aus der eigenen Übung und aus dem, was er mit eigenen Augen gesehen und mit den Ohren gehört hat, dazu aus der Erfahrung anderer, gelehrter und ungelehrter Männer und Frauen. Was eine Auskunft wert war, bemass er anders als fast alle seine Zeitgenossen weder nach Geschlecht noch nach Bildung.

Im selben Atemzug beruft er sich auf die Bücher. Dreitausend grosse und kleine Bände guter Meister will er gelesen haben, Hippokrates darunter, Galen und Avicenna. Die Fachwelt rät, diese Zahl als Anspruch zu lesen und nicht als Auskunft. Vom Ersten nimmt der Handwerker sein Können, das Zweite ist der Anzug, den er dazu anlegt.

Dreissig Jahre

Von 1505 bis 1537 erschien das Werk als Teil des »Medicinarius«, mit weiteren Abhandlungen zusammengebunden. Einzelausgaben kamen zwischen 1551 und 1565 in Frankfurt heraus, Bearbeitungen folgten bis 1610. Jeder dieser Drucke bedeutet, dass ein Verleger sein Geld darauf setzte, dass dieses Buch noch gebraucht wird.

Damit reicht die Wirkung bis ins siebzehnte Jahrhundert, und sie begründete eine eigene Gattung, das Destillierbuch.

Der erste Teil des Grossen Destillierbuchs führt Johannes de Rupescissa mindestens siebenmal als Gewährsmann für die Quintessenz an, und mehr als ein Drittel seiner sechsunddreissig Kapitel behandelt sie, in weiten Teilen nach ihm. Lesen konnte Brunschwig ihn in deutscher Übersetzung. Wovon dort die Rede ist, steht auf der Seite über die neunfache Destillation.

Als das Destillierbuch fertig wurde, drei Jahre nach der ersten gedruckten Wundarznei in deutscher Sprache, war in der Innerschweiz ein Kind sechs oder sieben Jahre alt. Siebenundzwanzig Jahre später warf dieser Mann in Basel genau die Bücher ins Feuer, auf die Brunschwig sich berufen hatte, Hippokrates, Galen und Avicenna, und las auf Deutsch.

Dem Handwerker warf niemand vor, wofür der Gelehrte später seine Stadt verlor.

Quellen. Tillmann Taape in Ambix 61, Deutsche Biographie, Universität Regensburg. Stand August 2026.