Die Arbeit ist getan. Das Wasser steht klar im Auffangglas, getrennt von allem, was in ihm gelöst war. Der Meister nimmt das Glas, giesst das Destillat zurück in den Kolben und beginnt von vorn. Ein zweites Mal, ein drittes, und die Überlieferung nennt neun Durchgänge. Was einen Menschen dazu bringt, eine fertige Arbeit wieder aufzunehmen, hat einen handwerklichen Grund und einen sinnbildlichen. Beide lassen sich nachvollziehen, und beide führen an denselben Punkt. Woher die Neun stammt, steht am Ende dieser Seite.
Der Name Aqua Mercurii
Bevor ein Verfahren einen Namen bekommt, hat jemand einen Grund gehabt, ihm einen zu geben. Die Alchemie ordnet die Stoffe drei Prinzipien zu, Sal, Sulphur und Mercurius. Mercurius steht für das Flüchtige und Steigende und gehört zum Wasser. In den lateinischen Schriften tritt der Mercurius fast immer selbst als ein Wasser auf, als aqua permanens, das beständige, und als »unser Wasser«. Johann Schröder, Frankfurter Arzt und Anhänger des Paracelsus, beschreibt ihn als einen flüchtigen Liquor, mineralisch und metallisch. Von diesem Wasser heisst es dort, es löse, was fest ist, und binde, was flüchtig ist.
Aqua Mercurii ist ein Name aus dem Sprachschatz der Alchemie für das wandelnde, lösende Wasser. Er benennt einen Zustand, keine Vorschrift. Solche Namen entstehen dort, wo eine Sache oft genug wiederkehrt, und dieses Wasser kehrte über Jahrhunderte wieder, von den arabischen Werkstätten bis in die Verzeichnisse der frühen Neuzeit. Das Wort flüchtig, das dabei steht, ist genauer, als es klingt. Es meint alles, was leichter aufsteigt als das Wasser selbst.
Das Zurückgiessen
Den Handgriff, um den es hier geht, verbindet die Überlieferung mit einem Mann aus der Innerschweiz. Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, kam Ende 1493 bei Einsiedeln zur Welt, als Sohn eines Arztes. 1527 war er Stadtarzt in Basel, 1541 starb er in Salzburg.
Er heisst Kohobation. Gemeint ist die wiederholte Destillation desselben Stoffes, bei der das gewonnene Destillat immer wieder auf den Rückstand im Kolben zurückgegossen wird. Beim Wasser meint Wiederholung etwas anderes. Dort wird das Destillat selbst noch einmal destilliert, und der Rückstand bleibt, wo er ist.
Über dem Kolben sitzt der Alembik, ein helmförmiger Aufsatz mit einer Rinne an der Innenwand, aus Kupfer, aus Ton oder aus Glas. Der Dampf steigt in den Helm, schlägt sich an der kühleren Wandung nieder, sammelt sich in der Rinne und verlässt sie über ein seitliches Schnabelrohr, das in die Vorlage führt, das untergestellte Gefäss.
Damit die Wärme nicht springt, steht der Kolben im Balneum Mariae, einem Wasserbad, das nie heisser wird als das Wasser darin. Wer den Helm zusätzlich kühlen wollte, setzte ihm eine Schale mit kaltem Wasser auf. Als Wärmequelle diente offenes Feuer, über Spiegel gebündeltes Sonnenlicht oder ein Bett aus Pferdemist, dessen Gärung tagelang gleichmässig heizt.
Wer solche Werkzeuge bauen wollte, brauchte eine Anleitung dazu. Hieronymus Brunschwig, Wundarzt in Strassburg, druckt um 1500 das erste deutschsprachige Handbuch dieser Kunst, mit Anweisungen zum Bau der Öfen und Geräte, geschrieben für Praktiker ohne Universität.
Was der Dampf mitnimmt
Für die Trennung der Stoffe leistet das Zurückgiessen auf den Rückstand so viel wie längeres Erwärmen. Der Grund, ein zweites Mal zu beginnen, liegt woanders, und er lässt sich zeigen. Ein Durchgang trennt viel, er trennt nicht alles. Zwei Dinge stehen ihm im Weg, und keines davon ist ein Fehler des Meisters.
Das erste steigt mit dem Dampf auf. Ein Topf Wasser auf dem Herd, ein Lorbeerblatt darin. Das Wasser bleibt im Topf, der Geruch steht im ganzen Haus. Etwas hat das Wasser verlassen, ohne Wasser zu sein. In der Küche verteilt sich das und ist fort. In der geschlossenen Apparatur verteilt sich nichts. Was aufsteigt, kühlt mit dem Dampf ab und läuft mit ihm in dieselbe Vorlage.
Das zweite ist ein Messwert. Reinheit von Wasser wird über die elektrische Leitfähigkeit beurteilt, und die zeigt an, was eine Ladung trägt, im Wesentlichen Salze.
Ein Magnet, durch eine Handvoll Sand gezogen, findet jeden Eisensplitter und kein einziges Glaskorn. Die Splitter sind die Salze, die Körner sind die flüchtigen Begleiter. Der Magnet meldet Sauberkeit, und die Körner liegen noch da. Die Begleiter tragen keine Ladung, und so meldet das Gerät Reinheit, während sie im Wasser stehen.
Deshalb wiederholt man. Der erste Durchgang hat getan, was er tun kann. Was er nicht fasst, nimmt erst der nächste, und wie viel am Ende bleibt, entscheidet die Zahl der Durchgänge, nicht die Sorgfalt in einem einzigen.
Wenn das Glas mitspricht
Am reinen Wasser stellt sich eine Frage, die vorher keine war. Was bleibt übrig, wenn nichts mehr übrig ist?
Der erste Durchgang läuft in Glas. Vom zweiten an arbeitet man in Quarz oder Platin, weil Glas beim Erhitzen Spuren von Kieselsäure abgibt, einer Verbindung, die aus dem Werkstoff selbst stammt. Diese Menge bleibt gleich, sie war von Anfang an da. Was sich ändert, ist alles andere.
Ein Kühlschrank brummt. Solange Gäste da sind, hört ihn niemand. Sind sie gegangen, ist er das Lauteste in der Wohnung. Das Brummen hat sich nicht verändert, die Stille hat sich verändert. So ist es mit dem Gefäss. Die Spur bleibt klein, und je reiner das Wasser wird, desto grösser ist ihr Anteil an dem, was noch darin ist.
Es bleibt nicht beim Gefäss. Wasser, das offen steht, nimmt Kohlendioxid aus der Luft auf, und sein pH-Wert fällt rasch in den sauren Bereich. Hinzugefügt hat niemand etwas, das Wasser hat es genommen.
Reines Wasser ist ein Sammler. Es nimmt an, was in seiner Nähe steht.
Der Grundton des Wassers
Ein Konzertsaal vor dem ersten Ton ist nicht still. Man hört Atem, einen Stuhl, den Stoff eines Mantels. Diesen Grundton bekommt niemand fort, denn er kommt von dem, was den Saal zum Saal macht.
Wasser hat einen solchen Grundton, und er lässt sich beziffern. Gemessen wird in Mikrosiemens je Zentimeter, der Einheit für die Leitfähigkeit. Bei fünfundzwanzig Grad sinkt der Wert nicht unter 0,055, was 18,2 Megaohm mal Zentimeter entspricht. Alles, was Sorgfalt, Geduld und Gerät vermögen, endet an dieser Zahl.
Dieser Rest stammt von keinem fremden Stoff, sondern vom Wasser selbst. In jedem Augenblick zerfällt eine winzige Menge von Wassermolekülen in zwei geladene Teile und findet sich sogleich wieder. Wer ihn entfernen wollte, müsste das Wasser entfernen.
Gebraucht wird solches Wasser dort, wo eine einzige Spur eine Messung verdirbt.
Man kann einen Spiegel putzen, bis kein Staub mehr darauf liegt. Heller als das Glas selbst wird er dadurch nicht.
Woher die Neun kommt
Die Zahlentradition ist älter als Paracelsus. Um 1351 gewinnt Johannes de Rupescissa die Quinta Essentia, indem er Wein wieder und wieder destilliert, klassisch siebenfach, und nennt sie aqua vitae, Wasser des Lebens. Aus diesem Namen ist später der Branntwein hervorgegangen. Solche Zahlen bezeichnen die Vollendung eines Werkes, nicht einen gemessenen Wert.
In dieser Linie steht die Neun, die für das Wasser überliefert ist. Sie ist dreimal drei, und drei ist die Zahl der Prinzipien, unter denen die Alchemie die Welt ordnete. Die Neun ist damit diese Ordnung, auf sich selbst angewandt.
Ob die Überlieferung neun sagt oder sieben, ändert nichts an dem, was unter der Zahl liegt. Reinheit ist kein Zustand, den man einmal herstellt, sondern eine Annäherung an eine Grenze. Der Alchemist nannte sie Materia Prima, die erste Materie, in der nichts mehr enthalten ist als sie selbst. Der Messtechniker nennt sie 0,055 Mikrosiemens je Zentimeter. Beide meinen den Punkt, an dem nichts übrig ist als Wasser.
Die Neun hält eine Erfahrung fest. Die Arbeit tut die Hand, die den Kolben ein weiteres Mal füllt.
Die Geschichte dieses Verfahrens steht im Hydrations-Code.