Kapitel 6

Die heiligen Hallen unseres Körpers

Unser Organismus hat in uns »Reinräume« und »Tresore« erschaffen, die er mit dem saubersten Wasser flutet, das er herzustellen vermag.

Unser Organismus hat in uns Reinräume und Tresore erschaffen, die er mit dem saubersten Wasser flutet, das er herstellen vermag. Unser Körper ist keineswegs ein offenes Gefäss, in dem sich Flüssigkeiten wahllos vermischen. Er gleicht vielmehr einer präzisen biologischen Hochleistungseinheit mit streng bewachten Sicherheitsbereichen. Zu diesen besonderen Zonen zählen unsere Augen, die Hoden, das Fruchtwasser sowie das Gehirn- und Ohrwasser.

Der Körper betreibt einen enormen Aufwand, um diese heiligen Hallen vor belastenden äusseren Einflüssen zu schützen. Was wir in der Aussenwelt mit aufwendigen Techniken zur Trinkwasseraufbereitung versuchen, vollbringt unser Körper in absoluter Perfektion. Er nutzt dazu eine hochspezialisierte Filtertechnik, um für seine edelsten Organe ein Milieu zu erschaffen, das wesentlich reiner ist als das restliche Wasser in unserem System. Diese exklusiven Zonen bilden das notwendige Fundament für unsere Gesundheit und den Fortbestand des Lebens.

Das Augenwasser bietet uns allen wohl das einleuchtendste Beispiel für dieses Streben nach Reinheit. Damit wir eine klare Sicht geniessen können, muss der Glaskörper so rein wie nur irgend möglich sein. Da er zu etwa 99% aus Wasser besteht und kaum über eine eigene Durchblutung verfügt, dient das Wasser hier nicht als blosses Transportmittel. Es fungiert als eine neutrale Basis für die ungestörte Funktion des Sehens. Jede noch so winzige Trübung durch anorganische Stoffe würde die Viskosität verändern und damit die physikalische Beschaffenheit des gesamten Mediums sowie unsere Sehstärke beeinträchtigen.

Genau so verhält es sich mit unserem Gehirnwasser, dem Liquor. Unsere Neuronen operieren mit elektrischen Impulsen im Millivolt-Bereich und sind daher auf eine störungsfreie Umgebung angewiesen. Fremde Ionen oder anorganische Rückstände im Gehirnwasser würden massive Störfaktoren darstellen, welche die präzise Reizleitung zwischen den Nervenzellen unterbrechen könnten. Absolute Reinheit ist an dieser Stelle die Grundvoraussetzung für unsere geistige Klarheit und die fehlerfreie Informationsverarbeitung.

Zum Schutz unserer Fortpflanzung dienen die Blut-Hoden-Schranke sowie die Blut-Plazenta-Schranke als chemisch isolierte Hochsicherheitsräume. Die Spermien des Mannes und die Embryonen der Frau reagieren ebenso hochempfindlich auf geringste Mengen an Schadstoffen. Manche Substanzen können wie erbgutschädigende Gifte wirken und den genetischen Code bedrohen. Würden Pestizide oder andere hochreaktive Lasten in diese Bereiche eindringen, könnten sie unmittelbar mit unserer DNA reagieren.

In diesen Zonen muss daher auch zwingend ein Milieu aus reinstem Wasser herrschen, damit die Unversehrtheit künftiger Generationen gewahrt bleibt. Um diese extreme Reinheit zu garantieren, nutzt unser Körper Filtrationsmechanismen auf molekularer Ebene. Die Wände unserer kleinsten Blutgefässe bilden die erste entscheidende Barriere. Deren Zellen sind über sogenannte Tight Junctions wie mit einer Schweissnaht fest miteinander verbunden. In diese Barrieren sind Kanäle eingebettet, die als intelligente Schleusen fungieren.

Im Jahr 2003 erhielt Peter Agre den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung der Aquaporine. Dabei handelt es sich eben um jene winzigen Kanäle, die ausschliesslich für Wassermoleküle durchlässig sind. Sie sind so schmal, dass die Wassermoleküle sie nur einzeln wie an einer Perlenschnur aufgereiht passieren können. Gelöste Salze, Proteine oder organische Moleküle werden konsequent zurückgehalten. So sinkt die Konzentration an Fremdstoffen in den Zielräumen drastisch ab, selbst wenn das Blutserum im Rest des Körpers noch erhebliche Mengen an gelösten Stoffen aufweist.

Die Balance unserer Sinne ist tief im Innenohr verankert. In der Endolymphe, dem sogenannten Ohrwasser, hängen das Gehör und der Gleichgewichtssinn massgeblich von der präzisen Viskosität der Flüssigkeit ab. Da Wasser hier ganz besonders als physikalischer Überträger feinster mechanischer Schwingungen dient, würde jede unkontrollierte stoffliche Last die hochsensible Mechanik der Hörschnecke stören. Eine Verschmutzung würde die Signale verfälschen und unsere Orientierung im Raum gefährden.

Ein ebenso faszinierendes Meisterwerk ist die Thymusdrüse. Sie dient als zentrales Reifungszentrum für die T-Lymphozyten unserer Immunabwehr. Diese Drüse liegt in einem vollständig isolierten, wässrigen Milieu, das durch die Blut-Thymus-Schranke abgeschirmt wird. Hier muss absolute Klarheit herrschen, während der Körper seine Spezialeinheiten ausbildet. In dieser Schule des Immunsystems lernen die Zellen zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Jede materielle Last in diesem Bereich könnte die Ausbildung der Immunzellen verfälschen und somit das Risiko für Fehlreaktionen oder Autoimmunprozesse erhöhen.

Aus all diesen Tatsachen lässt sich ableiten, dass unser Körper ein tiefgreifendes Bestreben nach innerer Reinheit verfolgt. Er erschafft diese aquatischen Reinräume, um die Stabilität und die Entfaltung des Lebens in all seinen Facetten zu sichern. Ein weiterer entscheidender Aspekt dieser faszinierenden Technik ist der Schutz vor oxidativem Stress in unseren hochsensiblen Organen. Die Reinraumstrategie minimiert in diesen Zonen die Anwesenheit von freien Radikalen und metallischen Rückständen, welche die empfindlichen Zellmembranen angreifen und zerstören könnten.

Durch die konsequente Ausfilterung potenziell reaktiver Substanzen, wozu auch die körpereigenen freien Radikale zählen, schafft der Organismus eine geschützte Zone. Alterungsprozesse werden verlangsamt und die Regenerationsfähigkeit der Zellen wird auf ein Maximum gesteigert. Letztlich fungiert das reine Wasser hier als ein biologischer Schutzschild, der es den Bausteinen unseres Lebens ermöglicht, ihre volle Wirkkraft ohne Störung von aussen zu entfalten.